Michael H
01.04.2007, 00:46
Hallo,
folgenden Artikel habe ich im Netz gefunden :
für Sie ausgewertet von Prof. Dr. Hartmut Greven
In einer früheren Ausgabe dieses Magazins habe ich eine Arbeit referiert, in der berichtet wurde, dass die ständige sexuelle Belästigung der in einer Guppy-Population überwiegend nicht paarungsbereiten (weil trächtigen) Weibchen durch die Männchen dazu führt, dass erstere beträchtlich weniger Zeit für die Nahrungsaufnahme haben, da sie die Kopulationsversuche der aufdringlichen Männchen abwehren müssen. Die Autoren spekulierten, dass eine verminderte Nahrungsaufnahme nicht nur den unmittelbaren, sondern auch den zukünftigen Fortpflanzungserfolg eines Weibchens beeinträchtigen könnte. Sexuelle Belästigung wäre also mit "Kosten" für das Weibchen verbunden.
Da heutzutage stets betont wird, wie weit verbreitet und intensiv eine solche sexuelle Belästigung bei Poeciliiden sein kann - sie hängt natürlich auch von der Dichte einer Population und dem Anteil von Männchen und Weibchen ab -, ist es durchaus naheliegend, auch einen möglichen Nutzen dieser so auffallenden Verhaltensweise in Betracht zu ziehen.
In umfangreichen Versuchsreihen wurden einige physiologische und ethologische Parameter bei Gruppen von trächtigen Guppyweibchen gemessen, die während der Schwangerschaft unter vergleichbaren Bedingungen keiner (Haltung ohne Männchen; diese Bedingungen kommen in der Natur wohl nicht vor), einer relativ mäßigen (Geschlechterverhältnis 1:1) und einer "starken" (Geschlechterverhältnis 3:1) sexuellen Belästigung ausgesetzt waren. Bestimmt wurden
1. der Grad der Belästigung (Anzahl der Gonopodialstöße, denen Weibchen pro Minute ausgesetzt waren sowie die Zeit, welche den Weibchen für die Nahrungsaufnahme zur Verfügung stand)
2. der Gewichtsverlauf der Weibchen bis zur Geburt, - während der Geburt
3. die Dauer der Geburt einzelner Jungfische (nicht in allen Fällen zu beobachten)
4. die Zeit, die bis zum Absetzen aller Jungtiere eines Wurfs benötigt wurde, - und nach der Geburt
5. die Anzahl der Jungfische
6. der Energiegehalt einzelner Weibchen
Die Ergebnisse werfen nach Meinung des Verfassers ein ganz anderes Licht auf die ansonsten so negativ gesehene sexuelle Belästigung.
Ergebnisse
Zu 1. Die Analysen bestätigten frühere Befunde, dass die Männchen auch trächtige Weibchen mehr oder weniger ununterbrochen belästigen (3 bis 5 Gonopodialstöße pro Minute in Abhängigkeit von der Männchendichte). Die Zeit, die die Weibchen nicht mit der Futtersuche verbringen konnten, schwankte je nach Intensität der Belästigung von 25 % bis 50 %. Allerdings suchten auch die ohne Männchen gehaltenen Weibchen nicht die gesamte ihnen zur Verfügung stehende Zeit nach Futter.
Zu 2. Das Gewicht der ohne Männchen gehaltenen trächtigen Weibchen war gegen Ende der Trächtigkeit signifikant höher als das der belästigten. Sie hatten, wie Sektionen zeigten, trotz der Schwangerschaft noch beträchtliche Fettreserven. Die Gewichtsunterschiede zwischen den mäßig und stark Belästigten waren nicht signifikant.
Zu 3. Das Austreiben eines Jungfisches dauerte im Schnitt etwa 3 min (hohe Schwankungsbreite). Allerdings konnten nur relativ wenige Weibchen unmittelbar beim Geburtsvorgang beobachtet werden. Die Autoren glauben, dass tendenziell (statistisch nicht signifikant) die belästigten Weibchen ihre Jungen schneller austrieben.
Zu 4. Alle belästigten Weibchen setzten jedoch ihre gesamte Brut in einem hochsignifikant kürzeren Zeitraum ab, als die unbelästigten.
Zu 5. Die Anzahl der Jungfische (es wurden ältere Weibchen für die Versuche verwendet, die meist eine größere Anzahl von Jungen hervorbringen als junge, eventuell zum erstenmal begattete) schwankte stark; zwischen den Versuchsgruppen waren keine deutlichen Unterschiede festzustellen.
Zu 6. Der Energiegehalt der nicht belästigten Weibchen war nach der Geburt der Jungen fast doppelt so hoch wie der der stark belästigten Weibchen (vgl. den hohen Fettgehalt, Punkt 2.). Das wird mit der relativen Inaktivität von trächtigen Guppy-Weibchen, die ohne Männchen gehalten werden, oder, einfacher gesagt, mit Bewegungsmangel in Verbindung gebracht. Für die Ernährung der sich entwickelnden Jungen muss ja keine zusätzliche Energie vom Weibchen bereitgestellt werden, da Guppys lecithotroph vivipar sind, der in den Eiern vorhandene Dotter für den Nachwuchs also ausreicht. Die Befunde machen wahrscheinlich, dass sexuelle Belästigung nicht nur Kosten verursacht. In einem gewissen Rahmen ist sie durchaus von Nutzen. Sie hält die Weibchen in ständiger Bewegung und hindert sie in Lebensräumen mit reichlichem Nahrungsangebot an der Aufnahme von zuviel Nahrung. Die ständige Bewegung hat zudem offenbar den Effekt einer "Schwangerschaftsgymnastik"; die einen positiven Einfluss auf Geburtskanal und Geburtsvorgang hat (zumindest was die Gesamtzeit angeht), und somit auch die wahrscheinlich gefährliche Zeit des Gebärens beträchtlich verkürzt. Ob allerdings Poeciliiden-Weibchen während des Geburtsvorganges tatsächlich einem besonders hohen Räuberdruck ausgesetzt sind, bliebe zu untersuchen.
Literatur
GREVEN, H. (1999): Wissenschaftliche Literatur für Sie ausgewertet: Sexuelle Belästigung kann teuer werden - allerdings für die Belästigten. das Aquarium 362: 14.
GREVEN, H. & S. HEYER (2004): Shoaling and activity of virgin and pregnant guppys (Poecilia reticulata) in the course of gestation. First European Conference of Poeciliid Biologists, Zürich 2003, 30.11.-2.12 (Abstract).
Was denkt ihr darüber ?
Grüße
Micha
folgenden Artikel habe ich im Netz gefunden :
für Sie ausgewertet von Prof. Dr. Hartmut Greven
In einer früheren Ausgabe dieses Magazins habe ich eine Arbeit referiert, in der berichtet wurde, dass die ständige sexuelle Belästigung der in einer Guppy-Population überwiegend nicht paarungsbereiten (weil trächtigen) Weibchen durch die Männchen dazu führt, dass erstere beträchtlich weniger Zeit für die Nahrungsaufnahme haben, da sie die Kopulationsversuche der aufdringlichen Männchen abwehren müssen. Die Autoren spekulierten, dass eine verminderte Nahrungsaufnahme nicht nur den unmittelbaren, sondern auch den zukünftigen Fortpflanzungserfolg eines Weibchens beeinträchtigen könnte. Sexuelle Belästigung wäre also mit "Kosten" für das Weibchen verbunden.
Da heutzutage stets betont wird, wie weit verbreitet und intensiv eine solche sexuelle Belästigung bei Poeciliiden sein kann - sie hängt natürlich auch von der Dichte einer Population und dem Anteil von Männchen und Weibchen ab -, ist es durchaus naheliegend, auch einen möglichen Nutzen dieser so auffallenden Verhaltensweise in Betracht zu ziehen.
In umfangreichen Versuchsreihen wurden einige physiologische und ethologische Parameter bei Gruppen von trächtigen Guppyweibchen gemessen, die während der Schwangerschaft unter vergleichbaren Bedingungen keiner (Haltung ohne Männchen; diese Bedingungen kommen in der Natur wohl nicht vor), einer relativ mäßigen (Geschlechterverhältnis 1:1) und einer "starken" (Geschlechterverhältnis 3:1) sexuellen Belästigung ausgesetzt waren. Bestimmt wurden
1. der Grad der Belästigung (Anzahl der Gonopodialstöße, denen Weibchen pro Minute ausgesetzt waren sowie die Zeit, welche den Weibchen für die Nahrungsaufnahme zur Verfügung stand)
2. der Gewichtsverlauf der Weibchen bis zur Geburt, - während der Geburt
3. die Dauer der Geburt einzelner Jungfische (nicht in allen Fällen zu beobachten)
4. die Zeit, die bis zum Absetzen aller Jungtiere eines Wurfs benötigt wurde, - und nach der Geburt
5. die Anzahl der Jungfische
6. der Energiegehalt einzelner Weibchen
Die Ergebnisse werfen nach Meinung des Verfassers ein ganz anderes Licht auf die ansonsten so negativ gesehene sexuelle Belästigung.
Ergebnisse
Zu 1. Die Analysen bestätigten frühere Befunde, dass die Männchen auch trächtige Weibchen mehr oder weniger ununterbrochen belästigen (3 bis 5 Gonopodialstöße pro Minute in Abhängigkeit von der Männchendichte). Die Zeit, die die Weibchen nicht mit der Futtersuche verbringen konnten, schwankte je nach Intensität der Belästigung von 25 % bis 50 %. Allerdings suchten auch die ohne Männchen gehaltenen Weibchen nicht die gesamte ihnen zur Verfügung stehende Zeit nach Futter.
Zu 2. Das Gewicht der ohne Männchen gehaltenen trächtigen Weibchen war gegen Ende der Trächtigkeit signifikant höher als das der belästigten. Sie hatten, wie Sektionen zeigten, trotz der Schwangerschaft noch beträchtliche Fettreserven. Die Gewichtsunterschiede zwischen den mäßig und stark Belästigten waren nicht signifikant.
Zu 3. Das Austreiben eines Jungfisches dauerte im Schnitt etwa 3 min (hohe Schwankungsbreite). Allerdings konnten nur relativ wenige Weibchen unmittelbar beim Geburtsvorgang beobachtet werden. Die Autoren glauben, dass tendenziell (statistisch nicht signifikant) die belästigten Weibchen ihre Jungen schneller austrieben.
Zu 4. Alle belästigten Weibchen setzten jedoch ihre gesamte Brut in einem hochsignifikant kürzeren Zeitraum ab, als die unbelästigten.
Zu 5. Die Anzahl der Jungfische (es wurden ältere Weibchen für die Versuche verwendet, die meist eine größere Anzahl von Jungen hervorbringen als junge, eventuell zum erstenmal begattete) schwankte stark; zwischen den Versuchsgruppen waren keine deutlichen Unterschiede festzustellen.
Zu 6. Der Energiegehalt der nicht belästigten Weibchen war nach der Geburt der Jungen fast doppelt so hoch wie der der stark belästigten Weibchen (vgl. den hohen Fettgehalt, Punkt 2.). Das wird mit der relativen Inaktivität von trächtigen Guppy-Weibchen, die ohne Männchen gehalten werden, oder, einfacher gesagt, mit Bewegungsmangel in Verbindung gebracht. Für die Ernährung der sich entwickelnden Jungen muss ja keine zusätzliche Energie vom Weibchen bereitgestellt werden, da Guppys lecithotroph vivipar sind, der in den Eiern vorhandene Dotter für den Nachwuchs also ausreicht. Die Befunde machen wahrscheinlich, dass sexuelle Belästigung nicht nur Kosten verursacht. In einem gewissen Rahmen ist sie durchaus von Nutzen. Sie hält die Weibchen in ständiger Bewegung und hindert sie in Lebensräumen mit reichlichem Nahrungsangebot an der Aufnahme von zuviel Nahrung. Die ständige Bewegung hat zudem offenbar den Effekt einer "Schwangerschaftsgymnastik"; die einen positiven Einfluss auf Geburtskanal und Geburtsvorgang hat (zumindest was die Gesamtzeit angeht), und somit auch die wahrscheinlich gefährliche Zeit des Gebärens beträchtlich verkürzt. Ob allerdings Poeciliiden-Weibchen während des Geburtsvorganges tatsächlich einem besonders hohen Räuberdruck ausgesetzt sind, bliebe zu untersuchen.
Literatur
GREVEN, H. (1999): Wissenschaftliche Literatur für Sie ausgewertet: Sexuelle Belästigung kann teuer werden - allerdings für die Belästigten. das Aquarium 362: 14.
GREVEN, H. & S. HEYER (2004): Shoaling and activity of virgin and pregnant guppys (Poecilia reticulata) in the course of gestation. First European Conference of Poeciliid Biologists, Zürich 2003, 30.11.-2.12 (Abstract).
Was denkt ihr darüber ?
Grüße
Micha