08.02.2011, 18:00
Salute, ihr Philosphen
Ich glaube, die Diskussion, „ob Tiere Schmerz empfinden“, ist deshalb so widersprüchlich, weil hier verschiedene ideengeschichtliche Traditionen wild durcheinandergehen.
Mike, ich denke, Du hast vollkommen recht: Die Fragestellung überhaupt gründet in der christlich-abendländischen Tradition, in ihrem religiösen Menschenbild. Danach ist in der materiellen Erdenwelt eben nur der Mensch mit einer Seele ausgestattet. Nur der Mensch wird als „homo“, gleich Gott, aufgefasst. Tiere nicht.
Und Schmerz wurde in dieser Tradition dann implizit als „seelische Qualität“ interpretiert. Schmerz gehört in die Kategorie des Empfindens – und damit in das Reich des Seelischen. Tiere jaulen zwar, aber ihre Rezeption kann nicht mit dem Empfinden des Menschen gleichgesetzt werden, weil ihnen die Seele fehle.
(Der Höhepunkt ist die Philosophie René Descartes, der in Tieren so etwas wie Reiz-Reaktions-Maschinen sah, weil sie keinen Geist hätten, nicht „denken“ könnten - und deshalb auch keinen Begriff des Schmerzes haben können.)
Dieses Abhängigkeitsverhältnis von Schmerz und Seele ist der ideengeschichtliche Ausgangspunkt dieser christlichen Denktradition, deren Nachhall sich wohl immer noch in denjenigen Büchern findet, die Bernd erwähnt.
Der Bruch hier kam natürlich ab dem Moment, in dem man unter Bezug auf die Evolutionstheorie Schmerz als „physisches Phänomen“ auffasst. Als evolutionsgeschichtlich entwickelten Schutz vor körperlicher Beschädigung. Als schadenverhinderndes Warnsignal „höherer Tiere“, das auf physischer Rezeptionsebene liegt. (Schmerz wurde aus dem Bereich des Geistig-Seelischen in die Kategorie des Körperlichen verlagert, er funktioniert dann auch ohne „Seele“.)
Aufgrund der weitgehenden Ähnlichkeit des neuronalen Aufbaus der zentralen Nervensysteme sämtlicher Wirbeltiere, spricht man also analog allen so konstruierten Wesen Schmerzempfindungen zu. (Es geht also wieder mal um „homo“, aber diesmal sind die Tiere UNS eben gleich.)
Die Diskussion der Abgrenzung zu Nicht-Wirbeltieren kam dann an Fallbeispielen auf, dass etwa Maden sich in ihrer Gier selbst anfressen. Der Kopf frisst den Schwanz auf. Würde eine Made das denn tun, wenn sie Schmerz empfinden würde? Ja oder nein? Man kann für beides neurobiologisch schlüssig argumentieren.
Viele Grüße
Stefan
P.S. So als Nachtrag – um das Thema endgültig zu ruinieren: Aber auch die evolutionsbiologische Betrachtung des Schmerzes als Warnsignal bei Wirbeltieren klärt nicht alles auf. Noch nicht mal beim Menschen. Sie hat Probleme mit der Erklärung „chronischer Schmerzen“, die immer da sind und deshalb nun mal keine Warnfunktion haben.
Und sie findet bislang auch keine Antwort auf die Frage der „psychischen Schmerzen“. Was ist der evolutionäre Sinn beispielsweise von schweren Depressionen? Was soll die lebenserhaltende Funktion da denn sein? Denn im Extremfall...
P.P.S. Sorry, ist ein bisschen lang geworden...
Ich glaube, die Diskussion, „ob Tiere Schmerz empfinden“, ist deshalb so widersprüchlich, weil hier verschiedene ideengeschichtliche Traditionen wild durcheinandergehen.
Mike, ich denke, Du hast vollkommen recht: Die Fragestellung überhaupt gründet in der christlich-abendländischen Tradition, in ihrem religiösen Menschenbild. Danach ist in der materiellen Erdenwelt eben nur der Mensch mit einer Seele ausgestattet. Nur der Mensch wird als „homo“, gleich Gott, aufgefasst. Tiere nicht.
Und Schmerz wurde in dieser Tradition dann implizit als „seelische Qualität“ interpretiert. Schmerz gehört in die Kategorie des Empfindens – und damit in das Reich des Seelischen. Tiere jaulen zwar, aber ihre Rezeption kann nicht mit dem Empfinden des Menschen gleichgesetzt werden, weil ihnen die Seele fehle.
(Der Höhepunkt ist die Philosophie René Descartes, der in Tieren so etwas wie Reiz-Reaktions-Maschinen sah, weil sie keinen Geist hätten, nicht „denken“ könnten - und deshalb auch keinen Begriff des Schmerzes haben können.)
Dieses Abhängigkeitsverhältnis von Schmerz und Seele ist der ideengeschichtliche Ausgangspunkt dieser christlichen Denktradition, deren Nachhall sich wohl immer noch in denjenigen Büchern findet, die Bernd erwähnt.
Der Bruch hier kam natürlich ab dem Moment, in dem man unter Bezug auf die Evolutionstheorie Schmerz als „physisches Phänomen“ auffasst. Als evolutionsgeschichtlich entwickelten Schutz vor körperlicher Beschädigung. Als schadenverhinderndes Warnsignal „höherer Tiere“, das auf physischer Rezeptionsebene liegt. (Schmerz wurde aus dem Bereich des Geistig-Seelischen in die Kategorie des Körperlichen verlagert, er funktioniert dann auch ohne „Seele“.)
Aufgrund der weitgehenden Ähnlichkeit des neuronalen Aufbaus der zentralen Nervensysteme sämtlicher Wirbeltiere, spricht man also analog allen so konstruierten Wesen Schmerzempfindungen zu. (Es geht also wieder mal um „homo“, aber diesmal sind die Tiere UNS eben gleich.)
Die Diskussion der Abgrenzung zu Nicht-Wirbeltieren kam dann an Fallbeispielen auf, dass etwa Maden sich in ihrer Gier selbst anfressen. Der Kopf frisst den Schwanz auf. Würde eine Made das denn tun, wenn sie Schmerz empfinden würde? Ja oder nein? Man kann für beides neurobiologisch schlüssig argumentieren.
Viele Grüße
Stefan
P.S. So als Nachtrag – um das Thema endgültig zu ruinieren: Aber auch die evolutionsbiologische Betrachtung des Schmerzes als Warnsignal bei Wirbeltieren klärt nicht alles auf. Noch nicht mal beim Menschen. Sie hat Probleme mit der Erklärung „chronischer Schmerzen“, die immer da sind und deshalb nun mal keine Warnfunktion haben.
Und sie findet bislang auch keine Antwort auf die Frage der „psychischen Schmerzen“. Was ist der evolutionäre Sinn beispielsweise von schweren Depressionen? Was soll die lebenserhaltende Funktion da denn sein? Denn im Extremfall...
P.P.S. Sorry, ist ein bisschen lang geworden...

